Als Konsolen-RPG Fan weiß man, dass der Startschuss für das Genre Mitte der 80’er Jahre fiel – am 27. Mai 1986, um ganz genau zu sein. An diesem Tag erschien in Japan nämlich »Dragon Quest«, begeisterte Presse wie auch Spieler gleichermaßen und wurde quasi über Nacht zum Millionenseller. Viel Grund zum Feiern, könnte man meinen, doch bei Sega sorgte die Erfolgsnachricht damals eher für Magenschmerzen. »Dragon Quest« erschien nämlich nur auf dem »NES« von Konkurrent Nintendo, während das eigene »Master System« nun ohne großen Rollenspiel-Blockbuster da stand.
Dies sollte sich erst knappe 1 ½ Jahre später ändern, als Sega mit »Phantasy Star« endlich auch ein eigenes RPG im Angebot hatte – und was für Eines! Technisch der »NES«-Konkurrenz meilenweit voraus, konnten auch Gameplay und Story schwer beeindrucken und brachten dem Spiel den Ruf als bestes RPG der 8-Bit Generation ein. Der »Mega Drive«-Nachfolger »Phantasy Star II« wurde mit ähnlicher Begeisterung aufgenommen – aus dem »One-Hit-Wonder« wurde so eine erfolgreiche Rollenspielserie mit viel Zukunftspotential.
Leider wurde der Aufwärts-Trend mit dem dritten Teil jäh unterbrochen. Von einem neuen Team innerhalb von ein paar Monaten entwickelt, konnte »Phantasy Star 3« den hohen Standard der Vorgänger nicht halten. Die enttäuschten Fans machten ihrem Unmut lautstark Luft und zwangen Sega damit, sich wieder auf die alten Stärken zu besinnen. Die Serie wanderte somit zurück in die Hände von Rieko Kodama, der Produzentin der ersten beiden Titel. Kodama und ihr Team machten sich sogleich mit dem erklärten Ziel an die Arbeit, aus »Phantasy Star 4« das beste Sega-RPG überhaupt zu machen.
Die Story von »Phantasy Star 4« versetzt euch auf den kargen Wüstenplaneten Motavia. Trotz des unwirtlichen Klimas führen dessen Bewohner ein recht angenehmes Leben – bis vor Kurzem jedenfalls. Seit ein paar Monaten haben sich Monster unbekannten Ursprungs überall breitgemacht und den Handel zwischen den Siedlungen empfindlich gestört. In der Rolle der versierten Jägerin Alys Brangwin sowie ihres Junior-Partners Chaz Ashley sollt ihr nun dem Geheimnis der Monsterbrut auf die Schliche kommen.
Was als hier noch kleine Mystery-Geschichte beginnt, entfaltet sich schnell zum intergalaktischen Mammut-Abenteuer. Wie kaum eine andere Rollenspiel-Serie mischt »Phantasy Star 4« geschickt traditionelle Fantasy-Settings mit Abstechern in den Weltraum und Besuchen auf fremden Planeten –sogar in andere Dimensionen werdet ihr versetzt. Die Story wird straff erzählt, ist gespickt mit cleveren Anspielungen auf die Vorgänger und bietet darüberhinaus die sympathischste Crew diesseits von »Chrono Trigger« - feine Sache.
Spielerisch mag »Phantasy Star 4« auf den ersten Blick recht ordinär aussehen, ihr solltet euch davon aber nicht täuschen lassen. Klar, der eigentliche Spielablauf weicht kaum von der gängigen Formel ab – auf großer Weltreise folgt ihr der Story und besucht ihr die verschiedensten Städte und Dungeons – allerdings steckt hier der Teufel im Detail. Wenn ihr genau hinschaut merkt ihr schnell, dass insbesondere das Gameplay nahezu ideal ausbalanciert ist. Cutscenes lockern das Geschehen an den richtigen Stellen auf, die Dungeons sind selten zu lang und die Kämpfe sind stets fordernd, aber fair.
Apropos Kämpfe: die Battle-Engine von »Phantasy Star 4« weiß ebenfalls zu überzeugen. In einer schmucken Pseudo 3D-Arena stellen sich maximal 5 Partymitglieder dem rundenbasierten Kampf gegen die Monster. Jeder Charakter hat dabei sein eigenes Set an Magien und Spezial-Angriffen, dazu gilt es über ein Dutzend geheimer Kombinations-Attacken entdecken. Die genaue Kenntnis euer Fähigkeiten ist dabei ausschlaggebend für den Erfolg, denn gerade die Bosse haben es in sich und sind nur mit taktisch-kluger Spielweise aus dem Weg zu räumen. Gemeinsam mit dem einfach zu bedienenden Interface entstehen so temporeiche Gefechte, die echt viel Spaß machen.
Allerdings ist an »Phantasy Star 4« nicht alles Gold was glänzt, denn optisch ist leider nur Magerkost angesagt. Außerhalb der nett-inszenierten Kämpfe bewegt sich die Grafik auf maximal unterdurchschnittlichem Niveau – mit spärlich animierten Winz-Figuren wandert ihr durch detailarme Landschaften – was nicht gerade ein Fest für die Augen ist. Immerhin entschädigen euch dafür die Cutscenes, die wie gezeichnete Panele in einem Manga präsentiert werden – coole Nummer.
Wirklich gut geworden ist hingegen die Musik, welche klug mit den Schwächen den »Mega Drive«-Soundchips umgeht. Im Gegensatz zu den fein-instrumentierten Soundtracks der »Super Nintendo«-Konkurrenz ist hier kein Klassik-Medley angesagt, stattdessen geben treibende Techno-Rhythmen den Ton an – gerade für die abgedrehten Weltraum-Settings eine sehr passende Begleitung. Wer von der Musik nicht genug bekommen kann – nach dem Durchspielen wird im Hauptmenü ein Soundtest freigeschaltet, der euch jeden Track in Ruhe anhören lässt.
Trotz guter Wertungen bekam »Phantasy Star 4« lange Jahre nicht die Anerkennung, die es eigentlich verdient hätte. Einer der Gründe dafür war die extrem verspätete Lokalisation – während die Japaner das Spiel schon Ende 1993 bekamen, musste sich der Rest der Welt satte zwei Jahre länger gedulden. Zu dem Zeitpunkt waren die Rollenspieler allerdings Grafik-Perlen wie »Final Fantasy VI« oder »Chrono Trigger« gewohnt, auch die »PlayStation 1« lockte bereits mit ihrer damals spektakulären 3D-Optik – da konnte so ein Mauerblümchen wie »Phantasy Star 4« natürlich nicht dagegen anstinken.
Glücklicherweise setzt sich Qualität am Ende doch durch und »Phantasy Star 4 « wurde mit den Jahren in der Rollenspieler-Community immer beliebter – nicht zuletzt dank steter Neuveröffentlichungen in diversen Collections oder als Download-Titel für die Wii. Die Entwickler von »Phantasy Star 4« hielten in der Folgezeit ihr hohes Niveau und schufen viele weitere RPG-Klassiker wie »Magic Knight Rayearth« für den Saturn oder »Skies of Arcadia« für den Dreamcast. Die »Phantasy Star«-Reihe selbst wechselte nach einer längeren Pause zur Jahrtausendwende in den lukrativen MMORPG-Markt und gilt als Pionier der Online-Rollenspiele auf Konsolen.
Fazit : Im Grunde ist »Phantasy Star 4« das hässliche Entlein unter den 16 Bit-Rollenspielen. Wer sich von der unansehnlichen Fassade nicht abschrecken lässt entdeckt dahinter ein sehr feines RPG mit tadelloser Spielbarkeit, sympathischen Charakteren und spanneder Story. Trotz Grafik-Schwächen eines von Segas besten Rollenspielen überhaupt.
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